Kopfschmerzen kennt
fast jeder. Doch bei Menschen mit einem spontanen Liquorverlustsyndrom können
sie ein Ausmaß erreichen, das den Alltag massiv beeinträchtigt.
Charakteristisch ist häufig, dass die Schmerzen im Sitzen oder Stehen auftreten
oder deutlich stärker werden und sich im Liegen bessern oder vollständig
abklingen. Mediziner:innen sprechen deshalb von orthostatischen Kopfschmerzen.
Hinzukommen können Übelkeit, Nackenschmerzen, Schwindel, Tinnitus, Hörstörungen
oder Lichtempfindlichkeit. Eine internationale Konsensusleitlinie empfiehlt
deshalb, bei neu aufgetretenen orthostatischen Kopfschmerzen an ein spontanes
Liquorverlustsyndrom zu denken. [1]
Die Ursache liegt
häufig nicht im Kopf selbst, sondern an der Wirbelsäule. Gehirn und Rückenmark
sind von Liquor cerebrospinalis, umgangssprachlich Hirnwasser, umgeben.
Entsteht an der harten Rückenmarkshaut, der sogenannten Dura, ein Defekt, kann
Liquor austreten. Dadurch kann eine spontane intrakranielle Hypotension, kurz
SIH, entstehen. [1, 2]
Eine weitere Ursache
ist in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus gerückt: die
Liquor-Venen-Fistel. Dabei fließt das Hirnwasser nicht sichtbar in das
umliegende Gewebe, sondern über eine krankhafte Verbindung direkt aus dem
Liquorraum in eine Vene ab. Liquor-Venen-Fisteln gelten inzwischen als wichtige
Ursache einer SIH. [2]
Für Betroffene kann bis
zur richtigen Diagnose viel Zeit vergehen. Die Beschwerden sind häufig schwer
einzuordnen und die zugrunde liegende Liquor-Venen-Fistel kann mit
herkömmlichen Untersuchungen unentdeckt bleiben. Untersuchungen aus
spezialisierten Zentren zeigen, dass Betroffene mitunter über Jahre Beschwerden
haben und zahlreiche ärztliche sowie bildgebende Untersuchungen durchlaufen,
bevor die Ursache gefunden wird. [3]
„Gerade bei Liquor-Venen-Fisteln ist die Diagnose häufig
die eigentliche Herausforderung. Mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden sind
diese Fisteln nur schwer zu erkennen. Erst die Fortschritte bei spezialisierten
Myelografie-Techniken haben unsere Möglichkeiten, sie gezielt aufzuspüren, in
den vergangenen Jahren erheblich verbessert“, erklärt
Dr. Niklas Lützen, Oberarzt in der Klinik für Neuroradiologie am Universitätsklinikum
Freiburg, einem spezialisierten Zentrum für Liquorverlusterkrankungen.
Für die Suche nach
Liquorlecks und Liquor-Venen-Fisteln spielt die Neuroradiologie die entscheidende
Rolle. Am Anfang steht in der Regel eine Magnetresonanztomografie (MRT) von
Kopf und Wirbelsäule. Sie kann Veränderungen zeigen, die auf einen
Liquorverlust hindeuten. Doch nicht immer lässt sich damit bereits erkennen, wo
genau das Hirnwasser verloren geht. [1]
Dann beginnt die
eigentliche Spurensuche. Mit speziellen bildgebenden Untersuchungen,
sogenannten Myelografien, können Neuroradiolog:innen verfolgen, welchen Weg das
Hirnwasser nimmt. Dafür wird ein Kontrastmittel in den Liquorraum gegeben und
seine Verteilung anschließend mit Röntgen- oder CT-Aufnahmen sichtbar gemacht.
Gerade bei Liquor-Venen-Fisteln ist eine speziell angepasste
Untersuchungstechnik entscheidend, um die häufig sehr kleinen Verbindungen
überhaupt sichtbar zu machen. Die Myelografie ist damit die entscheidende
Voraussetzung dafür, dass die Fistel anschließend gezielt behandelt werden
kann. [2]
Ist die
Liquor-Venen-Fistel gefunden, kann die Neuroradiologie bei geeigneten
Patient:innen nicht nur diagnostizieren, sondern auch direkt den nächsten
Schritt zur Behandlung ermöglichen. Das Besondere: Die Fistel kann
minimalinvasiv über das Venensystem verschlossen werden. Möglich macht das
die sogenannte transvenöse Embolisation, eine noch vergleichsweise neue
Behandlungsmethode. [2, 5]
Dafür ist keine offene
Operation an der Wirbelsäule erforderlich. Stattdessen führen interventionelle
Neuroradiolog:innen einen sehr dünnen Katheter durch die Venen bis zu der
Stelle, an der das Hirnwasser fälschlicherweise in das Venensystem abfließt.
Dort wird die krankhafte Verbindung mit einem speziellem flüssigen Kleber verschlossen.
Der unerwünschte Abfluss des Liquors in die Vene wird damit unterbunden. [2, 5]
Die bisherigen
Ergebnisse sind vielversprechend. Eine 2025 veröffentlichte Analyse von 15
Studien mit insgesamt 321 Patient:innen zeigte, dass sich die Kopfschmerzen
nach einer transvenösen Embolisation bei 93,9 Prozent zumindest besserten. [6]
Die wissenschaftliche Datenlage entwickelt sich allerdings noch. Bislang fehlen
randomisierte Studien, die die Embolisation direkt mit einer Operation
vergleichen. [6]
„Das Spannende an der transvenösen Embolisation ist, dass
wir eine Ursache des Liquorverlusts über das Venensystem behandeln können.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Fistel zuvor mit der richtigen
Bildgebung präzise gefunden wurde. Diagnostik und Therapie greifen hier
unmittelbar ineinander“, sagt Lützen.
Nach der Behandlung
kann bei einem Teil der Patient:innen ein sogenannter Rebound-Überdruck
auftreten. Etwa 20 bis 30 Prozent sind davon betroffen, wobei die Häufigkeit je
nach Definition und Untersuchung variiert. [2] Typisch ist, dass sich das
vorherige Kopfschmerzmuster umkehrt: Während die Beschwerden beim Liquorverlust
vor allem im Stehen auftreten, können sie nun gerade im Liegen, also auch in
der Nacht stärker werden. Auch Übelkeit und Erbrechen sind möglich. [2]
In der Regel ist der
Rebound-Überdruck vorübergehend und lässt sich medikamentös gut behandeln. Nur
selten sind weitergehende Maßnahmen notwendig. In einer Studie musste nach der
Behandlung einer Liquor-Venen-Fistel bei rund acht Prozent der Patient der
Druck durch eine Lumbalpunktion gesenkt werden. [7]
Trotz der Fortschritte
in Diagnostik und Therapie sind noch viele Fragen offen. Dazu gehört, wie
Liquor-Venen-Fisteln entstehen, welche Patient:innen besonders von einer
Embolisation profitieren und warum es nach der Behandlung zu einem
Rebound-Überdruck oder erneut zu einer Fistel an einer anderen Stelle der
Wirbelsäule kommen kann. [2, 6]
Für die DGNR bleibt
deshalb neben der weiteren Erforschung des Krankheitsbildes auch die Aufklärung
wichtig. Denn Kopfschmerzen, die sich deutlich mit der Körperhaltung verändern,
können ein wichtiger Hinweis auf ein Liquorverlustsyndrom sein. [1]
[1] Cheema S et al. Multidisciplinary consensus guideline for the
diagnosis and management of spontaneous intracranial hypotension. Journal
of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 2023;94:835–843. DOI:
10.1136/jnnp-2023-331166.
[2] Orru E, Patel NV, Pace J et al. Spontaneous Intracranial Hypotension
and CSF-Venous Fistulae: from Diagnostic Imaging to Interventional Management.
Clinical Neuroradiology. 2026;36:3–17. DOI: 10.1007/s00062-025-01573-w.
[3] The Diagnostic Burden of Spontaneous Intracranial Hypotension:
Imaging Volume and Specialists' Involvement prior to Diagnosis. AJNR
American Journal of Neuroradiology. 2026. PMID: 40968013.
[4] Madhavan AA et al. Diagnostic Performance of Decubitus
Photon-Counting Detector CT Myelography for the Detection of CSF-Venous
Fistulas. AJNR American Journal of Neuroradiology. 2023. PMID: 37945523.
[5] Brinjikji W et al. A Novel Endovascular Therapy for CSF Hypotension
Secondary to CSF-Venous Fistulas. AJNR American Journal of Neuroradiology.
2021;42:882–887.
[6] Jazayeri SB et al. Transvenous Embolization versus Surgical
Intervention for CSF Venous Fistulas: A Systematic Review and Meta-Analysis.
AJNR American Journal of Neuroradiology. 2025;46:2292–2299. DOI:
10.3174/ajnr.A8839.
[7] Schartz D et al. Incidence and Predictors of Rebound Intracranial
Hypertension after Transvenous Embolization of CSF-Venous Fistulas. AJNR
American Journal of Neuroradiology. 2026;47:1406–1411. DOI: 10.3174/ajnr.A9080.
Die DGNR ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft für Neuroradiologie in Deutschland und vertritt rund 2.000 Mitglieder. Sie engagiert sich für die Weiterentwicklung diagnostischer und minimalinvasiver Verfahren sowie für Qualitätssicherung und Fortbildung. Gemeinsam mit der DeGIR stellt sie die minimalinvasive Schlaganfallversorgung in Deutschland sicher.
www.dgnr.org