Prof. Dr. Christiane Kuhl: Das Projekt ist unser bewusster Versuch, innezuhalten und einen strukturierten Blick nach vorn zu werfen. Die Radiologie ist heute ein zentrales Querschnittsfach der Medizin, gleichzeitig aber auch besonders stark von technologischen, ökonomischen und gesundheitspolitischen Veränderungen betroffen. Mit „Zukunft der Radiologie“ wollen wir uns so aufstellen, dass wir auf geänderte Rahmenbedingungen nicht immer nur reagieren, wenn sie bereits vollzogen sind. Vielmehr wollen wir uns in die Lage versetzen, zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, um sie anschließend proaktiv mitzugestalten. Dazu müssen wir verstehen, welche möglichen Zukunftsszenarien vor uns liegen – und welche Rolle wir als Fach dabei einnehmen wollen.
Prof. Dr. Thorsten Bley: Konkret handelt es sich um einen mehrjährigen, iterativen Strategieprozess. Wir arbeiten mit Trendanalysen, Szenarien, Workshops und Dialogformaten. Ziel ist nicht ein einzelnes Papier, sondern ein gemeinsames Orientierungswissen: Wo stehen wir? Welche Entwicklungen halten wir für relevant? Wo sehen wir Chancen? Wo Risiken? Und welche strategischen Optionen ergeben sich daraus für die DRG und das Fach insgesamt?
Kuhl: Wir erleben derzeit eine ungewöhnliche Gleichzeitigkeit von Umbrüchen: Die Arbeitsverdichtung und damit die Belastungen nehmen immer weiter zu, Künstliche Intelligenz dürfte nicht nur unsere Arbeitsprozesse fundamental verändern, die Krankenhausreform und die Ambulantisierung stellen Versorgungsstrukturen infrage, der Fachkräftemangel verschärft sich, der demographische Wandel tut sein Übriges – und zugleich ist die Rolle der Radiologie in Politik und Öffentlichkeit viel zu wenig sichtbar. Das alles betrifft unser Fach im Kern. Als Fachgesellschaft sehen wir uns in der Verantwortung, hier Leitplanken zu setzen und eine gemeinsame Position zu entwickeln. Konkret geht es also erst einmal darum, uns auf Ziele für unser Fach zu verständigen: Wo wollen wir hin? Wie wollen wir in 20 oder 30 Jahren arbeiten? Wofür stehen wir? Was wollen wir nicht? Welche Risiken gibt es? Erst, wenn man sich auf Ziele verständigt hat, kann man an einer Strategie arbeiten.
Bley: Hinzu kommt, dass viele dieser Entwicklungen stark miteinander verflochten sind. KI ist nicht nur ein technisches Thema, sondern berührt Fragen von Haftung, Ausbildung, Arbeitskultur und Patientenbeziehung. Deshalb war schnell klar: Einzelmaßnahmen reichen nicht aus. Wir brauchen einen systematischen, offenen Prozess, der unterschiedliche Perspektiven zusammenführt – aus Klinik, Praxis, Wissenschaft, Nachwuchs und auch darüber hinaus.
Bley: Aktuell befinden wir uns im Kern der Strategieentwicklungsphase. In einem ersten Schritt haben wir rund 45 radiologische Expertinnen und Experten identifiziert, die unterschiedliche Perspektiven aus Klinik, Praxis, Wissenschaft und Nachwuchs abbilden. Mit ihnen haben wir zunächst strukturierte Interviews geführt, um frühzeitig ein breites Spektrum an Perspektiven, Erwartungen und Einschätzungen in den Strategieprozess einzubinden. Dieser Kreis bildet zugleich die Kerngruppe, mit der die weiteren Schritte des Projekts umgesetzt werden. Auf Grundlage der Interviews und einer begleitenden Trendanalyse wurden in einem ersten Workshop zentrale Entwicklungen gemeinsam strukturiert, ergänzt und bewertet. In den kommenden Workshops geht es darum, daraus Zukunftsszenarien, Leitbilder und strategische Durchbruchziele abzuleiten – also ein gemeinsames Verständnis davon zu entwickeln, wohin sich die Radiologie langfristig bewegen kann und soll. Damit schaffen wir zunächst bewusst Überblick und Orientierung. In einem nächsten Schritt wird es dann darum gehen, die strategischen Leitlinien in konkrete Handlungsfelder und Umsetzungsformate zu übersetzen. Diese Umsetzungsphase ist als Anschluss klar vorgesehen, aber noch nicht im Detail ausgestaltet. Wichtig ist uns, erst dann über konkrete Maßnahmen zu sprechen, wenn die strategische Richtung gemeinsam geklärt ist und auf einem breiten Konsens basiert.
Kuhl: Aus meiner Sicht ist genau diese Reihenfolge entscheidend. Bevor wir über konkrete Maßnahmen oder Umsetzungslogiken sprechen, müssen wir uns darüber verständigen, welche Rolle die Radiologie künftig einnehmen soll und wofür sie stehen will. Der laufende Projektabschnitt schafft dafür den notwendigen Raum – für Reflexion, für unterschiedliche Perspektiven und auch für kontroverse Diskussionen. Wenn wir diesen gemeinsamen Orientierungsrahmen entwickelt haben, können wir im nächsten Schritt sehr viel zielgerichteter darüber sprechen, wie sich diese strategischen Leitlinien in der Arbeit der DRG und im Fach insgesamt niederschlagen. Entscheidend ist dabei nicht Geschwindigkeit, sondern Tragfähigkeit: Die Umsetzung soll auf einem breiten Konsens aufbauen und langfristig Wirkung entfalten.
Bley: Ziel der Interviews war es, Perspektiven, Erwartungen und Bedürfnisse zentraler Stakeholder frühzeitig in den Prozess einzubeziehen, kritische Erfolgsfaktoren zu identifizieren sowie Chancen, Risiken und zentrale Handlungsfelder sichtbar zu machen. Gleichzeitig halfen die Interviews dabei, Widersprüche und Synergien zwischen den Stakeholdergruppen herauszuarbeiten und Akzeptanz für den Strategieprozess zu fördern. Im ersten Workshop stand die Frage im Mittelpunkt: Welche Trends prägen die Zukunft der Radiologie? Dazu haben wir Trends in sechs großen Clustern diskutiert – von Medizin und Fachdisziplin über Technologie und Digitalisierung bis hin zu Wirtschaft, Gesellschaft, Klima sowie Sicherheit und Rechtsrahmen. Die Teilnehmenden haben diese Trends nicht nur ergänzt, sondern auch bewertet, um strategische Relevanzen sichtbar zu machen.
Kuhl: Ein zentrales Ergebnis ist die Erkenntnis, dass viele hoch bewertete Trends direkt mit der zukünftigen Rolle der Radiologie zu tun haben. Es geht immer wieder um unser Selbstverständnis: Die Rolle der Radiologinnen und Radiologen als Ärztinnen und Ärzte mit direkter Patientenverantwortung – und die Frage, wie wir diese aufbauen und uns dafür strategisch aufstellen. Wie wir die Sichtbarkeit für unsere ärztliche Arbeit verbessern – aber auch um die Gefahr einer Reduktion auf reine Dienstleistungs- oder Zulieferfunktionen. Diese Ambivalenz zieht sich durch viele Diskussionen und ist sehr aufschlussreich.
Kuhl: Ein Beispiel ist die interventionelle Radiologie. In den Diskussionen wurde deutlich, dass sie für viele als Schlüssel zur klinischen Sichtbarkeit des Fachs gesehen wird. Gleichzeitig kann auch die diagnostische Radiologie sehr viel mehr als selbstständig agierender Spezialist für Diagnostik gesehen werden. Es gibt sehr unterschiedliche Entwicklungspfade: von der eigenständigen Stärkung bis hin zur schleichenden Abwanderung in andere Disziplinen. Diese Spannbreite macht gut sichtbar, warum strategische Entscheidungen jetzt nötig sind.
Bley: Ein sehr hoch bewerteter Trend ist der Übergang zu KI-augmentierten radiologischen Workflows. Hier geht es nicht um einzelne Algorithmen, sondern um die Frage, wie KI den gesamten radiologischen Prozess beeinflusst – von der Indikationsstellung über die Untersuchung bis zur Befundkommunikation. Das eröffnet große Chancen für Qualität und Effizienz, wirft aber auch Fragen nach Verantwortung, Kompetenzverlust und ärztlicher Rolle auf.
Bley: Im zweiten Workshop, der am 22. und 23. Januar 2026 in Bonn stattfindet, wechseln wir die Perspektive: von Trends hin zu Zukunftsszenarien. Wir fragen uns: Wie könnte die Radiologie in zehn oder fünfzehn Jahren konkret aussehen? Welche Leitbilder, Prinzipien und „Nordsterne“ leiten unser Handeln? Das ist ein wichtiger Schritt, um von der Analyse zur strategischen Orientierung zu kommen.
Kuhl: Diese Phase ist besonders spannend, weil sie auch normative Fragen berührt: Welche Art von Radiologie wollen wir sein? Welche Werte sollen unser Handeln prägen? Genau hier liegt aus meiner Sicht der Kern des Projekts.
Kuhl: Ja, ausdrücklich. Das Projekt ist auf Beteiligung angelegt. Ein wichtiger Meilenstein wird der Röntgenkongress 2026 in Leipzig sein. Dort planen wir eine Highlight-Sitzung zum Zukunftsprojekt, in der erste Ergebnisse vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden.
Bley: Darüber hinaus werden wir Zwischenergebnisse kontinuierlich kommunizieren und Formate schaffen, um Rückmeldungen aufzunehmen. Die Zukunft der Radiologie lässt sich nur gemeinsam gestalten.
Kuhl: Mich beeindruckt die Offenheit der Diskussionen. Viele Teilnehmende sprechen sehr klar über Unsicherheiten, aber auch über Chancen. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Orientierung ist – und wie viel Gestaltungswillen im Fach steckt.
Bley: Für mich ist ein Highlight die Vielfalt der Perspektiven. Klinik, Praxis, Nachwuchs, unterschiedliche Generationen – all das kommt zusammen. Gerade diese Vielfalt macht den Prozess manchmal anspruchsvoll, aber genau darin liegt seine Stärke.
Kuhl: Dass die Zukunft der Radiologie offen ist. Sie entsteht nicht automatisch durch Technik oder Strukturreformen. Sie entsteht durch Menschen, durch Haltung und durch gemeinsames Handeln. Oder anders gesagt: Die Zukunft der Radiologie entsteht nicht von selbst – wir müssen sie gemeinsam gestalten.
Bley: Für mich liegt die zentrale Botschaft darin, dass wir Zukunft nicht vorhersagen, sondern vorbereiten. Das Projekt macht sichtbar, welche unterschiedlichen Entwicklungspfade vor der Radiologie liegen – und dass es unsere Aufgabe ist, diese bewusst zu reflektieren und einzuordnen. Entscheidend ist dabei der gemeinsame Prozess: Wenn es uns gelingt, die Vielfalt der Perspektiven im Fach zusammenzuführen und daraus klare Orientierung und umsetzbare Leitlinien abzuleiten, dann schaffen wir eine tragfähige Grundlage dafür, die Zukunft der Radiologie aktiv und verantwortungsvoll zu gestalten.