Frau Professor Kuhl, warum hat die Deutsche Röntgengesellschaft die Kampagne „Radiologie und Frauengesundheit“ initiiert?
Also zunächst: Die Radiologie versorgt natürlich alle Menschen – Erwachsene wie Kinder und Kleinkinder, ja selbst Ungeborene – und natürlich unabhängig vom Geschlecht. Wir wollen mit mehreren solcher Kampagnen in den Vordergrund stellen, was wir Radiolog:innen für unsere Patient:innen leisten – und fangen bei den Frauen an. Radiolog:innen begleiten Frauen entlang des gesamten Versorgungswegs – von der Früherkennung über die Diagnostik und Therapieplanung bis hin zu minimal-invasiven Behandlung. Und zwar nicht nur für Erkrankungen, die üblicherweise mit „Frauengesundheit“ assoziiert werden, wie z.B. Brustkrebs oder Endometriose. Sondern genauso auch bei Erkrankungen, die viele Frauen gar nicht so auf dem Schirm haben, wie beispielsweise Gefäß- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Lungenkrebs. Den Frauen selbst ist unsere Rolle weit weniger bekannt, weil wir zu oft persönlich gar nicht in Erscheinung treten. Mit der Kampagne möchten wir das ändern.
Welche Botschaft sollen Patientinnen und Öffentlichkeit aus der Kampagne mitnehmen?
Dass Radiologie weit mehr ist als ein „technisches Fach“. Vielmehr nutzen wir Radiolog:innen Technik, um unserer medizinischen Aufgabe nachzukommen – genauso wie beispielsweise auch Kardiolog:innen oder Chirurg:innen. Den meisten Patient:innen ist sehr wohl klar: Eine exakte und korrekte Diagnose ist notwendige Voraussetzung für jede gezielte Therapie. Doch zu viele Patient:innen ordnen dies, also die Diagnosestellung, den Radiolog:innen gar nicht zu und meinen, dass in der Radiologie nur Aufnahmen erzeugt werden. Das ist ein häufiges Missverständnis. Radiolog:innen übernehmen ärztliche Verantwortung, gestalten Diagnostik und Therapie aktiv mit und tragen dazu bei, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und Behandlungen individuell abzustimmen. Unser Ziel ist es, diese medizinische Rolle sichtbarer zu machen – und Menschen zu ermutigen, radiologische Angebote gezielt für ihre Gesundheit zu nutzen.
Herzstück der Kampagne ist eine Informationsveranstaltung mit dem Berliner Tagesspiegel zum Weltfrauentag.
Der Weltfrauentag bietet einen wichtigen gesellschaftlichen Rahmen, um über strukturelle Herausforderungen in der Frauengesundheit zu sprechen. In der gemeinsamen Veranstaltung mit dem Tagesspiegel bringen wir Vertreterinnen und Vertreter aus Medizin, Politik, Selbsthilfe und Medien zusammen, um Versorgungsthemen sichtbar zu machen und Lösungsansätze zu diskutieren. Die Veranstaltung ist kostenfrei und öffentlich zugänglich – vor Ort oder digital.
Ein zentrales Element der Kampagne ist die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen. Warum ist das wichtig?
Selbsthilfegruppen kennen die Lebensrealität von Patientinnen sehr genau. Als Vertreter:innen der Patientinnen können sie auch solche Anliegen thematisieren, die im direkten Gespräch mit einzelnen Patientinnen unausgesprochen bleiben. Dadurch machen sie Bedarfe sichtbar und tragen Informationen in ihre Communities. Der Austausch hilft uns, Versorgungspfade besser zu verstehen und unsere Kommunikation noch stärker an den Bedürfnissen von Patientinnen auszurichten. Für uns ist das ein wichtiger Dialog auf Augenhöhe.
Wie werden Patientinnen konkret informiert?
Wir stellen niedrigschwellige Informationsmaterialien bereit, zum Beispiel einen Flyer mit zentralen Informationen zur Frauengesundheit und zu radiologischen Angeboten. Zusätzlich bündeln wir Inhalte auf www.radiologie-finden.de. Dort finden Frauen verständliche Erläuterungen zu Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten und können gezielt nach spezialisierten radiologischen Zentren suchen. Das schafft Orientierung und unterstützt informierte Entscheidungen.
Die Brustkrebsfrüherkennung ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Welche Rolle spielt sie in der Kampagne?
Sie zeigt exemplarisch, wie groß die Bedeutung der Radiologie für Früherkennung ist. Früherkennung bedeutet, eine Erkrankung zu diagnostizieren, bevor sie klinische Symptome erzeugt bzw. sich zu einer lebenszeit-verkürzenden Situation weiterentwickeln kann. Genau das leistet Bildgebung – und nicht etwa das Abtasten. Am Beispiel der Brustkrebsfrüherkennung zeigt sich aber auch, wie schwierig es ist, verbesserte diagnostische Methoden in die Regelversorgung zu übernehmen. Wir wissen seit langem, dass die Mammografie nicht für alle Frauen gleichermaßen gut geeignet ist, und haben Alternativen entwickelt und umfangreich getestet – namentlich die MRT. In der Kampagne machen wir deutlich, dass gute Früherkennung wissenschaftlich fundiert und individuell angepasst sein muss – und dass Radiologie dafür den entscheidenden Beitrag leistet.
Abschließend: Was wünschen Sie sich von der Kampagne für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass die Radiologie als unverzichtbare klinische Partnerin in der Frauengesundheit noch stärker wahrgenommen wird – in der Versorgungspraxis ebenso wie in der Öffentlichkeit. Der Schwerpunkt Frauengesundheit ist dabei der Anfang: In weiteren Kampagnenphasen werden wir auch Themen der Männergesundheit sowie der Gesundheit von Kindern aufgreifen. Darüber hinaus sind weitere Schwerpunkte geplant, um unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gezielt anzusprechen und den Beitrag der Radiologie entlang zentraler Versorgungsbedarfe sichtbar zu machen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zum Auftakt der Kampagne „Radiologie und Frauengesundheit“ veranstaltet die Deutsche Röntgengesellschaft gemeinsam mit dem Tagesspiegel ein Fachforum am Donnerstag, 5. März 2026, von 16:00 bis 18:00 Uhr im Tagesspiegel-Verlagshaus in Berlin (hybrides Format mit Livestream). Vertreterinnen und Vertreter aus Medizin, Politik, Wissenschaft, Selbsthilfe und Medien diskutieren über Zugang, Qualität, Prävention und Innovation in der Frauengesundheit. Im Mittelpunkt stehen die Rolle der Radiologie in Diagnostik und Therapie, patientinnennahe Perspektiven sowie gesundheitspolitische Rahmenbedingungen. Die Veranstaltung bildet den öffentlichen Auftakt einer langfristig angelegten Kommunikations- und Informationsinitiative der Deutschen Röntgengesellschaft.