INTERVIEW

Neue Zusatzqualifizierung Thoraxradiologie: Expertise gezielt vertiefen

Mit der neuen Zusatzqualifizierung Thoraxradiologie schafft die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG) ein strukturiertes Fortbildungsangebot für Radiologinnen und Radiologen. Die Kombination aus digitalem Grundlagenkurs und praxisorientiertem Masterkurs vermittelt aktuelles Fachwissen und stärkt die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Im Interview erläutern Prof. Dr. med. Okka Hamer, Vorsitzende der AG Thoraxdiagnostik der DRG, Prof. Dr. med. Mark O. Wielpütz, AG-Vorstandsmitglied, und Prof. Dr. med. Sabine Dettmer, AG-Vorstandsmitglied und Leiterin des diesjährigen Masterkurses an der Medizinischen Hochschule Hannover, warum die Zusatzqualifizierung gerade jetzt wichtig ist.

von Katja Mader · 23. Juli 2026

Mit der neuen Zusatzqualifizierung Thoraxradiologie etabliert die DRG ein strukturiertes Qualifizierungsangebot für diesen Bereich. Welchen Mehrwert bietet sie für Radiologinnen und Radiologen?

Hamer: Die Q-Zertifizierung soll dazu beitragen, die Ausbildung in der Thoraxradiologie weiter zu standardisieren und die Qualität zu sichern. Die Erfahrung zeigt, dass vielerorts thoraxradiologische Inhalte im Rahmen der Facharztausbildung nicht mehr auf höchstem Niveau vermittelt werden können. Dafür gibt es viele Gründe, in aller erster Linie der Wissenszuwachs in den letzten Jahren, der erst überall ankommen muss, aber auch ein zunehmender Personalmangel und damit einhergehend fehlende Rotationsmöglichkeiten und unzureichende thoraxradiologische Supervision.

Dies ist umso kritischer zu sehen, als sich die Zuweiser, insbesondere aus der Pneumologie, zunehmend spezialisieren. Die AG Thorax ist der Überzeugung, dass die Ausbildung in der Thoraxradiologie auf breiter Ebene gesichert werden muss, um ein vollwertiger Ansprechpartner zu bleiben.

Wielpütz: Aus fachlicher Sicht war uns deshalb wichtig, nicht nur die Grundlagen, sondern auch komplexe thorakale Erkrankungen, interventionelle Verfahren sowie aktuelle Entwicklungen in der CT- und MRT-Bildgebung zu vermitteln. Ziel ist es, Radiologinnen und Radiologen auf die zunehmend spezialisierten diagnostischen Anforderungen im klinischen Alltag vorzubereiten. Der Erwerb des Q2-Zertifikats dokumentiert diese vertiefte Expertise und macht sie gegenüber Patientinnen und Patienten, Zuweisenden und Arbeitgebern sichtbar.

Prof. Dr. med. Mark Oliver Wielpütz

Dettmer: Ein weiterer Schwerpunkt ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Diagnostik und Behandlung thorakaler Erkrankungen erfolgt heute in enger Abstimmung mit anderen Fachdisziplinen, insbesondere der Pneumologie und der Thoraxchirurgie. Entsprechend sind im diesjährigen Masterkurs Thorax in Hannover (10.-12.09.2026) gemeinsame Sitzungen vorgesehen mit dem Ziel, den fachlichen Austausch zu fördern und das Verständnis füreinander zu verbessern.

Prof. Dr. Sabine Dettmer (l.), Prof. Dr. Okka Hamer (r.)

Die Zusatzqualifizierung besteht aus einem digitalen Q1-Kurs, der noch in Vorbereitung ist, und einem Präsenz-Masterkurs. Wie ist das Konzept aufgebaut und welche Kompetenzen werden vermittelt?

Wielpütz: Die Zusatzqualifizierung bietet Radiologinnen und Radiologen einen strukturierten Rahmen, um ihre thoraxradiologische Expertise gezielt weiterzuentwickeln. Angesichts immer komplexerer Krankheitsbilder, neuer Leitlinien und moderner Bildgebungstechniken ist eine kontinuierliche Fortbildung heute wichtiger denn je. Nur wenn wir unsere diagnostische Kompetenz kontinuierlich ausbauen, bleiben wir verlässliche Ansprechpartner für unsere klinischen Kolleginnen und Kollegen und können Patientinnen und Patienten auf höchstem Niveau versorgen.

Dettmer: Für den Masterkurs haben wir bewusst Wert darauf gelegt, dass dieser in Präsenz stattfindet. Die Wissensvermittlung ist intensiver und es ist ein direkter Austausch mit erfahrenen Thoraxradiologinnen und Thoraxradiologen möglich. Zudem ermöglicht uns das Präsenzformat, das Programm um Workshops zu erweitern. Angeleitet von Thoraxradiologinnen und Thoraxradiologen werden Fallbeispiele gemeinsam differenzialdiagnostisch erarbeitet und so der Einsatz des erworbenen Wissens praktisch angewandt.

Insgesamt verfolgt die Zusatzqualifizierung das Ziel, nicht nur theoretisches Wissen zu vermitteln, sondern auch die Sicherheit in der Befundung, die strukturierte diagnostische Entscheidungsfindung und die Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams nachhaltig zu fördern.

Durch den jährlichen Ortswechsel können dabei neben einem festen Kerncurriculum auch Spezialgebiete des jeweiligen Veranstalters thematisiert werden. So werden wir dieses Jahr in Hannover Vorträge über die pulmonale Hypertonie, das Lungenkrebsscreening, Bronchiektasen, interstitielle Lungenerkrankungen und Lungentransplantation anbieten – jeweils zusammen mit Spezialistinnen und Spezialisten aus der Pneumologie.

Für wen ist die Zusatzqualifizierung besonders interessant und warum gewinnt thoraxradiologische Expertise aktuell an Bedeutung?

Hamer: Die Anforderungen an die Thoraxradiologie sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Dies liegt einerseits an der rasanten Entwicklung der CT- und MRT-Techniken, die eine immer detailliertere Beurteilung thorakaler Erkrankungen ermöglichen. Gleichzeitig werden die diagnostischen Fragestellungen komplexer. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, aktualisierte Leitlinien und innovative Therapien machen es erforderlich, das eigene Wissen regelmäßig zu erweitern und auf den neuesten Stand zu bringen. Die Zusatzqualifizierung trägt dieser Entwicklung Rechnung.

Wielpütz: Das Konzept der Zusatzqualifizierung ist bewusst zweistufig aufgebaut und verbindet ein ortsunabhängiges Erlernen der Grundlagen mit einer vertiefenden, praxisnahen Präsenzfortbildung. Der digitale Q1-Kurs, der aktuell noch in Vorbereitung ist, vermittelt das methodische Fundament – von Anatomie und Bildgebung über Untersuchungsprotokolle bis hin zur strukturierten Befundung. Darauf baut der Masterkurs mit komplexen Fallkonstellationen, aktuellen Leitlinien und neuen diagnostischen sowie interventionellen Verfahren auf. So entsteht ein Curriculum, das Wissen nicht nur vermittelt, sondern unmittelbar für die tägliche Befundung nutzbar macht. Noch ein Hinweis für Interessierte: Im Rahmen einer befristeten Übergangsregelung ist derzeit auch die direkte Beantragung der Q2-Zusatzqualifizierung möglich.

Dettmer: Mit der zukünftigen Q1-Zertifizierung erhalten Ärztinnen und Ärzte in der zweiten Hälfte der Facharztweiterbildung die Möglichkeit, sich fundierte Kenntnisse der Thoraxradiologie anzueignen und systematisch auszubauen. Die Q2-Zertifizierung richtet sich an Fachärztinnen und Fachärzte für Radiologie, die ihre thoraxradiologische Expertise weiter vertiefen möchten. Besonders relevant ist sie für Kolleginnen und Kollegen, die in Kliniken, Lungenzentren, onkologischen Zentren oder größeren radiologischen Praxen regelmäßig mit komplexen thoraxradiologischen Fragestellungen befasst sind.

Vielen Dank für das Gespräch.