Herr Professor Barkhausen, dem jetzt anstehenden Start der Lungenkrebs-Früherkennung ist ein mehrjähriger Prozess vorausgegangen, den die DRG intensiv fachlich begleitet hat. Was waren die Erfolgsfaktoren, und was bedeutet das Ergebnis für die Rolle der Radiologie in der Versorgung?
Der Prozess hat deutlich länger gedauert als ursprünglich erwartet und in den vergangenen acht Jahren habe ich dabei sehr viel über das deutsche Gesundheitssystem gelernt. Ein zentraler Erfolgsfaktor war, dass wir uns von Anfang an nicht nur fachlich, sondern gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Pneumologie und der Thoraxchirurgie auch gesundheitspolitisch engagiert haben.
Das Ergebnis ist in erster Linie ein großer Gewinn für die betroffene Hochrisikogruppe. Aber auch die Radiologie kann sehr zufrieden sein: Wir haben ein innovatives Verfahren flächendeckend eingeführt, sammeln Erfahrungen mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz und gewinnen an Sichtbarkeit. Denn wir treffen im Rahmen der Lungenkrebs-Früherkennung nicht nur klinischen Entscheidungen, sondern besprechen diese auch direkt mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ich hoffe, dass möglichst viele Radiolog:innen diese neue, aktive Rolle der diagnostischen Radiologie annehmen.
Die Teilnahme am Programm ist an enge Voraussetzungen geknüpft – auch für die durchführenden Radiologinnen und Radiologen. Wie bewerten Sie die Qualifikationsanforderungen und Durchführungsregelungen?
Um an der Lungenkrebs-Früherkennung mittels Niedrigdosis-CT teilzunehmen, müssen Radiolog:innen einige administrative Hürden überwinden. Das erfordert zwar einen gewissen Aufwand, ist aber insgesamt gut zu bewältigen. Mit der Q2-Zusatzqualifizierung „Lungenkrebsfrüherkennung mit LDCT nach §6 LuKrFrühErkV“ auf unserer digitalen Lernplattform conrad hat die AG Thoraxdiagnostik der DRG sehr schnell ein Online-Fortbildungsangebot zur Verfügung gestellt, das alle Anforderungen der Bundesärztekammer erfüllt.
Die Kombination aus der Erstbefundung – überwiegend in radiologischen Praxen - und Zweitbefundung in Lungenkrebszentren stärkt die Vernetzung innnerhalb der Radiologie und sichert eine hohe Behandlungsqualität. Insgesamt bin ich mit den Durchführungsregelungen sehr zufrieden, auch weil wir die positiven Erfahrungen aus der HANSE-Studie umfassend einbringen konnten.
Die Umsetzung des Programms erfordert eine interdisziplinäre Abstimmung und Zusammenarbeit. Was sind die erfolgskritischen Aspekte?
Die Radiologie ist auf jeden Fall gut vorbereitet! Rund 2.200 Personen haben bereits die genannte Fortbildung gebucht. Damit ist die radiologische Befundung auf jeden Fall in der Fläche sichergestellt. Nun gilt es, strukturierte Netzwerke mit Hausärzt:innen und Internist:innen aufzubauen, um die Lungenkrebs-Früherkennung schnell und effizient umzusetzen. Entscheidend ist außerdem, dass wir gemeinsam und über möglichst viele Kanäle über das Verfahren und seinen Nutzen informieren. In Deutschland gibt es etwa 5,5 Millionen Menschen, die die Einschlusskriterien erfüllen – diese gilt es jetzt zu erreichen.