Die MSK-Radiologie ist ein klinisch wie wissenschaftlich hochrelevantes Teilgebiet mit zentraler Bedeutung für Orthopädie, Unfallchirurgie, Rheumatologie und Sportmedizin. Die neu geschaffene Professur bietet die Möglichkeit, die muskuloskelettale Bildgebung systematisch in Forschung, Lehre und Weiterbildung zu stärken und zugleich Impulse für die strategische Weiterentwicklung des Fachgebiets in Deutschland zu setzen. Im folgenden Interview ordnet Prof. Grunz die Bedeutung dieser Professur ein und skizziert Perspektiven für die zukünftige Positionierung der muskuloskelettalen Bildgebung innerhalb der akademischen Radiologie.
Herr Prof. Grunz, mit der Übernahme der ersten Universitätsprofessur für MSK-Radiologie in Deutschland betreten Sie Neuland. Welche fachliche und strukturelle Bedeutung messen Sie dieser Professur bei – sowohl für Ihre eigene Arbeit als auch für das Fach insgesamt?
Die MSK-Radiologie ist eines der relevantesten Teilgebiete unseres Faches, war aber bislang auf universitätsprofessoraler Ebene nicht explizit abgebildet. Das ändert sich nun – eine Entwicklung, die in meinen Augen überfällig ist. Die neue W2-Professur schafft eine klare strukturelle Verankerung der muskuloskelettalen Bildgebung in Wissenschaft und Lehre. Sie ermöglicht es, gezielte Forschungsschwerpunkte zu setzen, den radiologischen Nachwuchs systematisch zu fördern und relevante Themen langfristig strategisch zu bearbeiten. Außerdem beinhaltet sie das Mandat, die hohe klinische Bedeutung dieses Teilgebiets in der universitären Landschaft zu repräsentieren. Für die Radiologie als Ganzes sehe ich in der Einrichtung der Professur ein wichtiges Signal: Subspezialisierte Expertise wird nicht nur klinisch, sondern auch akademisch stärker abgebildet.
Die MSK-Radiologie gilt als eines der klinisch größten Teilgebiete der Radiologie. Dennoch war sie bislang in der universitären Struktur nicht mit einer eigenen W2-Professur vertreten. Worin sehen Sie die Ursachen dieser Unterrepräsentation und welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie mit der Professur gezielt adressieren?
Die bildgebende Diagnostik des Bewegungsapparates ist ein integraler Bestandteil der Allgemeinradiologie. Während der Facharztweiterbildung wird sie zumeist an Kliniken vermittelt, in denen die akute Traumatologie eine wichtige Rolle spielt. Die elektive MSK-Radiologie findet dagegen traditionell zu einem großen Teil in der Niederlassung statt, wo wissenschaftliches Arbeiten und curriculare Lehre aus verständlichen Gründen oft nicht an vorderster Stelle stehen. Mit der Professur möchte ich genau hier ansetzen und die muskuloskelettale Bildgebung im akademischen Kontext klarer profilieren. Die Infrastruktur in Würzburg bietet dafür beste Voraussetzungen. Seit acht Jahren betreiben wir einen MRT-Scanner in der orthopädischen Spezialklinik der Stadt, was uns Zugang zu einem breiten Spektrum an Untersuchungen jenseits der akuten Traumatologie ermöglicht. Inhaltlich geht es mir darum, relevante Forschungsfragen zu entwickeln und moderne bildgebende Verfahren systematisch für die klinische Routine zu optimieren. Darüber hinaus will ich die nächste Generation für die MSK-Radiologie begeistern. Ich möchte zeigen, dass unser Teilgebiet wissenschaftlich anspruchsvoll und akademisch perspektivenreich ist. Neben der Vermittlung einer soliden Grundkompetenz in der Breite möchte ich so auch gezielte Karrierewege mit einer vertieften muskuloskelettalen Subspezialisierung fördern.
Welche Forschungsfragen stehen derzeit im Zentrum Ihrer wissenschaftlichen Arbeit, und welche Impulse erhoffen Sie sich durch die stärkere akademische Verankerung der MSK-Radiologie – etwa im Hinblick auf multizentrische Forschung oder interdisziplinäre Kooperationen?
Meine Arbeitsgruppe hat einen starken CT-Fokus. Zu Beginn meiner Laufbahn habe ich mich intensiv mit der Kegelstrahl-CT und ihrer Anwendung für die MSK-Radiologie auseinandergesetzt. Zuletzt lag der Schwerpunkt vermehrt auf der Photon-Counting CT. Durch die zunehmende Verfügbarkeit dieser Technologie an immer mehr Standorten erhoffe ich mir in den kommenden Jahren neue Impulse für multizentrische Studien. Anatomisch beschäftigen wir uns in Würzburg bevorzugt mit der oberen Extremität. Als ehemaliger Torhüter hat es mir vor allem die Hand angetan. Kaum eine andere Region des menschlichen Körpers führt die bildgebende Diagnostik so an ihre Grenzen. Um in der MSK-Radiologie klinisch relevante Forschungsarbeit leisten zu können, sind interdisziplinäre Kooperationen, insbesondere mit Orthopädie, Chirurgie und Rheumatologie, unerlässlich. Die neue Professur soll hier als verbindende Plattform wirken.
Die muskuloskelettale Bildgebung ist eng mit technischen Innovationen verbunden, insbesondere in den Bereichen MRT, quantitative Bildgebung und KI-basierte Auswertung. Welche Entwicklungen sehen Sie hier als besonders relevant für die nächsten Jahre, und welche Rolle kann eine universitäre MSK-Radiologie dabei einnehmen?
Wie die Radiologie als Ganzes ist auch die muskuloskelettale Bildgebung ein innovationsgetriebenes Feld und die genannten Themen gehören definitiv zu den Hot Topics. Aufgrund der hohen Untersuchungszahlen ist der Effekt von künstlicher Intelligenz in der MSK-Radiologie noch stärker skalierbar als in anderen Subspezialitäten und deshalb auch aus wirtschaftlicher Sicht interessant. Das treibt die Entwicklung voran, weil mehr Investitionsbereitschaft besteht. KI-Anwendungen betreffen schon heute alle Aspekte der radiologischen Wertschöpfungskette. Dabei profitieren radiologische Praxen ebenso wie große Kliniken. Das gemeinsame Ziel muss sein, die bildgebende Diagnostik schneller, präziser und letztlich weniger fehleranfällig zu machen. Eine starke universitäre MSK-Radiologie kann Innovationen wissenschaftlich evaluieren, klinisch validieren und strukturiert in die Patientenversorgung integrieren.
Ein weiteres zentrales Anliegen Ihrer Professur ist die Lehre. Wie sollte die MSK-Radiologie aus Ihrer Sicht in der radiologischen Weiterbildung und im Medizinstudium künftig positioniert werden, um ihrer klinischen Relevanz gerecht zu werden?
Ich bin ein Verfechter der organbasierten Radiologie und damit auch der subspezialisierten Weiterbildung des medizinischen Nachwuchses. Unsere Zukunft als medizinisches Fachgebiet hängt meiner Meinung nach davon ab, dass wir unseren Zuweisern einen klinischen Mehrwert bieten. Mit einem hochspezialisierten Handchirurg kann ich aber nur auf Augenhöhe diskutieren, wenn ich in meinem Bereich ebenfalls Spezialist bin. Ansonsten bleibt mir die Rolle des Bilderzeugers, der bei der klinischen Entscheidungsfindung nicht mit am Tisch sitzt. Für die Lehre bedeutet das: fallbasiertes multimodales Training, systematische Rotationen und eine enge Verzahnung mit den klinischen Partnerfächern. Ein elementarer Baustein dieses Ansatzes ist das Würzburger Symposium „Muskuloskelettale Radiologie“, das wir als interdisziplinäre Fortbildungsplattform etabliert haben und das im März 2026 bereits in seine fünfte Auflage geht. Es verbindet klinische Fragestellungen mit praxisnaher Diagnostik und wissenschaftlicher Diskussion – und spiegelt damit genau den Anspruch wider, den ich mit meiner Professur verfolge.
Vielen Dank für das Gespräch!